Neue Serie im Blog: Familie und Beruf

Familie und Beruf. Häufiger Begleiter: Das schlechte Gewissen

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Vor ein paar Tagen schwappte ein Buzzfeed-Artikel durch auffällig viele Timelines von Müttern und Vätern auf Facebook:

19 Dinge, die man niemals zu berufstätigen Eltern sagen sollte (Buzzfeed: 19 Things you should never say to a working parent).

Über 209.000mal wurde dieser Artikel seit seinem Erscheinen vor vier Tagen bereits aufgerufen – ein sicheres Zeichen dafür, dass die Autoren mit ihrer Sprüche-Sammlung ins Schwarze getroffen haben.

Sprüche, die sich fast ausnahmslos damit beschäftigen, berufstätigen Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen, gerade weil sie arbeiten.

Fast jede berufstätige Mutter und so gut wie jeder arbeitende Vater sind mit solchen Sprüchen, ja schon fast gar Vorhaltungen bzw. Einmischungen konfrontiert worden.

Berufstätig als Mutter oder Vater? Typische Sprüche aus dem Umfeld

Jeder, der ein Kind bekommt und dann in den Job zurückkehrt, kennt Gespräche mit den selbst ernannten Erziehungsberechtigten, die für sie fremde und somit teilweise nicht nachvollziehbare Lebensentwürfe kommentieren:

„Warum bekommt man Kinder, wenn man dann doch nur arbeiten geht? Wenn man sich kein Kind leisten kann, sollte man sich lieber gleich ganz für den Job entscheiden. Fühlst du dich nicht schuldig, wenn fremde Menschen dein Kind erziehen?“

Und, etwas subtiler:

„Es gibt keinen schöneren und wichtigeren Job als den, mein Kind großzuziehen. Ich könnte niemals jemand anderem ‚erlauben‘, meine Kinder zu erziehen, dafür sind sie mir zu kostbar. Hast du denn keine Angst, die wichtigsten und schönsten Phasen zu verpassen? Diese wertvollen Zeiten kommen doch niemals wieder!“

Die Zitate aus dem Buzzfeed-Feature sind nicht erfunden, sondern gehören zum Alltag berufstätiger Eltern, deren Umfeld sich gerne, oft und kräftig mit verschiedenen Kommentaren ungefragt einmischt.

Besonders fies: Oft ist es die eigene Familie, die berufstätigen Müttern und Vätern auf diese Weise in den Rücken fällt:

Schwestern, Nachbarn und Tanten, die selbst mit den eigenen Kindern daheim bleiben oder Großeltern, die ihre Enkelkinder vor Karriere-Müttern „schützen“ möchten.

Schlechtes Gewissen: Lähmt und belastet

Eltern geraten ohnehin sehr schnell ins Grübeln, wenn es darum geht, sich den Kopf über das Wohl des Kindes zu zerbrechen.

Besonders Frauen neigen dazu, sich ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen und dann unter Druck eigenen und fremden Ansprüchen gleichzeitig genügen zu wollen.

Was bei solchen überzogenen Sprüchen aber gar nicht geht, denn wie soll man widersprüchlichen Einmischungen gerecht werden? Sie sind nicht konstruktiv, sondern verunsichern nur.

So kann ein schlechtes Gewissen lähmen und belasten. Oft können Eltern mit den übergriffigen Kommentaren viel besser und souveräner umgehen, wenn sie begriffen haben:

‚Mein Gegenüber im Gespräch verteidigt hier gerade einfach in erster Linie mal den eigenen Lebensentwurf. Vielleicht gerade deswegen, weil ich gezeigt habe, dass es ganz gut auch anders geht.‘

Mancher Mann beispielsweise, dessen Frau daheim geblieben ist, um die Kinder zu versorgen, findet diese Lösung angemessener, denn für seine Familie war sie die richtige. Auch wenn er der Auftraggeber ist – ein Grund mehr, gar nicht so viel über die Details zu sprechen.

Eine Frau, die ihren Beruf zurückgestellt hat, um „Vollzeitmutter“ zu sein, sieht sich oft gezwungen, ihre Entscheidung zu verteidigen.

Es menschelt.

Das schlechte Gewissen abzuschütteln ist nicht einfach, denn es lauert immer irgendwo, wenn viele Aufgaben auf einmal bewältigen werden müssen und man das mal mehr, mal weniger gut in den Griff bekommt. Das ist jedoch ganz normal und nur menschlich.

Manchmal muss man eben über den Dingen stehen und sich von anderen nicht reinreden lassen.

Viele Familien überlegen sich bei und vor Ankunft eines neuen Familienmitglieds ganz genau, wie sie die Aufgaben verteilen und bewältigen und das Leben organisieren. Dabei sollte niemand von außen urteilen oder sich kritisch äußern, denn kein anderer kennt die genauen Beweggründe. Doch seien wir einmal ehrlich – wie oft haben wir uns schon bei anderen eingemischt oder über andere gelästert?

Kein Wunder also, dass „Dinge, die man zu nicht berufstätigen Eltern nicht sagen sollte“ (Buzzfeed-Artikel) ein ebenso erfolgreiches Posting auf der populären Plattform ist.

Wir können es eben nicht allen rechtmachen – nur uns selbst und den eigenen Ansprüchen können wir lernen zu genügen.

Über den Autor
Carola Heine
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