Praktikanten beschäftigen als Freiberufler oder Selbstständiger

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Beim Wort „Praktikum“ denken die meisten Menschen nur an Schüler oder Studenten, die einige Wochen oder Monate für eine größere Organisation oder Firma tätig sind, um praktische Kenntnisse und erste Erfahrungen zu erwerben.

Sehr oft sind erfolgreich bewältigte Praktika bekanntlich die Voraussetzung für die Zulassung zu einer Prüfung, gehören zu einer Ausbildung oder werden von interessierten jungen Menschen angestrebt, um sich einen Eindruck über eine Branche zu verschaffen.

Als Praktikant kann sich aber jeder bewerben, der in ein (neues) Aufgabengebiet hineinschnuppern will – ebenso wie auch Freiberufler und Selbstständige einen Praktikumsplatz anbieten können, nicht nur Unternehmen mit vielen Mitarbeitern und Abteilungen.

Jeder kann ein Praktikum absolvieren und jeder Unternehmer kann Praktikanten einstellen

Praktika unterliegen im Gegensatz zu Ausbildungsverhältnissen keinen bestimmten gesetzlichen Regelungen, was die Voraussetzungen und Qualifikationen innerhalb eines Betriebs angeht.

Buchstäblich jeder kann bei Interesse und erfolgreicher Bewerbung ein Praktikum absolvieren, und jede unternehmerisch tätige Person kann anschließend eine Bescheinigung ausstellen, aus der hervorgeht, welche beruflichen Kenntnisse in dieser Zeit erworben und vertieft wurden.

Wichtig ist vor allem, dass die Praktikantin oder der Praktikant tatsächlich etwas lernt und nicht nur als günstige Aushilfe eingesetzt wird. Eine Gefahr, die tatsächlich verschwindend gering ist, wenn der Lernaufenthalt bei einem Einzelunternehmer absolviert wird:

Die Praktikanten-Klassiker „Ablegen, Scannen, Kopieren oder Kaffeekochen fürs Team“ fallen eher bei größeren Unternehmen an, wenn Abläufe und Dauer des Praktikums keine Zeit für die Einarbeitung in komplexe Projekte lassen.

Wer sich dagegen den Arbeitsalltag von Freiberuflern und Selbstständigen persönlich anschaut, lernt nicht nur ausgewählte Facetten eines Berufs oder eine einzelne Abteilung kennen, sondern erhält ganz unmittelbare Einblicke und erlebt alle Einzelheiten des operativen Arbeitsalltags mit.

Wie lange ein Praktikum dauert, ob es vergütet wird und welche Aufgaben vom Praktikanten übernommen werden, das wiederum kann sehr variieren und hängt von den Vereinbarungen zwischen Unternehmer und Praktikant ab.

Alle Beteiligten profitieren von einem Praktikum

Nicht nur die Praktikantin oder der Praktikant profitieren davon, „Einzelkämpfern“ über die Schulter schauen zu können oder zu erleben, wie der berufliche Alltag in kleinen Unternehmen aussieht.

Eine noch unerfahrene Begleitperson hinterfragt Abläufe, sieht die Abwicklung von Routinen von außen und kann aus Sicht eines potenziellen Kunden befragt werden.

Sind Kundeninformationen völlig unverständlich für Praktikanten, sind sie es oft auch für Kunden und Vorschläge für die strukturelle Überarbeitung sind ein interessantes Praktikumsprojekt für beide Seiten.

Allerdings muss man als Freiberufler auch überhaupt auf die Idee kommen, ein Praktikum anbieten zu können.

Wir fragten Biggi Mestmäcker, Werbetexterin aus Mönchengladbach, wie sie darauf gekommen ist, ihre aktuelle Praktikantin einzustellen.

Biggi: „Auf die Idee mit den Praktikanten kam vor einigen Jahren ein junger Mann. Der Freund meiner Tochter hatte nach dem Abitur und vor seinem Marketing-Studium noch Zeit und fragte mich, ob er bei mir ein Praktikum machen könne.

Ich willigte ein und war gespannt, wie dieses Experiment laufen würde. Und was soll ich sagen – es entwickelte sich prima. Er lernte schnell und war mir schon bald eine echte Hilfe.

Auf der anderen Seite bin ich sicher, dass er mit einem Wissensvorsprung vor seinen Kommilitonen ins Studium gestartet ist. Eine echte Win-Win-Situation.“

lexoffice: „Und seitdem kann man bei dir ein Praktikum absolvieren – aber wo findet man als Werbetexterin denn überhaupt Praktikanten?“

Biggi: „Ich hab in Abschlussjahrgängen am Gymnasium geworben, in Abi-Zeitungen Anzeigen geschaltet, natürlich online in meinem Blog und auf Facebook darüber geschrieben. Aktuell habe ich eine Praktikantin, die sich aufgrund einer Anzeige im Mönchengladbacher Stadtmagazin urbano bei mir beworben hat.“

lexoffice: „Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, was macht deiner Meinung nach Sinn, wenn Freiberufler Praktikanten akzeptieren und was nicht?“

Biggi: „Meine Praktikanten müssen sich sicher im Internet bewegen und mit den klassischen Office-Programmen umgehen können. Sie brauchen Sprachgefühl, müssen die deutsche Sprache fließend und fehlerfrei beherrschen und sollten sich vor allem auch schriftlich gut ausdrücken können.

Das sind die Grundvoraussetzungen, damit sich ein Praktikum in meinem Büro für beide Seiten auszahlt. Denn all meine bisherigen Praktikanten werden bestätigen, dass man bei mir vom ersten Tag an selbstständig und sinnvoll arbeitet. Also keine Ablage, keine Sortiertätigkeiten und auch keine Übungsaufgaben.

Sie arbeiten ganz normal mit im Tagesgeschäft. Optimal ist eine Dauer von mindestens drei Monaten, zur Not geht’s aber auch kürzer.

Kürzer als vier bis sechs Wochen würde ich aber keinesfalls wollen. Meiner Meinung nach macht es nur Sinn, wenn man jemanden hat, der sich wirklich für das, was ich hier tue, interessiert. Jemand, der mitdenkt, der ein bisschen kreativ ist, Ideen hat und sich auch traut sie zu äußern.“

Das aktuelle Praktikum ist also nicht das erste und es wird auch nicht das letzte sein. Biggis Praktikantin Anna-Theresa befüllt unter anderem das Corporate Blog mit eigenen Rezensionen.

In vier Wochen kann man einiges lernen, bei einem Praktikum von mehreren Monaten dann sogar eigenständig erste Projekte abwickeln und Aufgaben übernehmen, die auf eine spätere Tätigkeit vorbereiten.

Oft ist eine Praktikumsdauer vorgeschrieben, ebenso oft einigen sich Unternehmer und Praktikant auf einen sinnvoll erscheinenden Zeitraum. Manchmal werden aus Praktikanten später auch Angestellte – wieder ein Gewinn für beide Seiten, die zu diesem Zeitpunkt bereits ausprobieren konnten, worauf sie sich eingelassen haben.

Sozialversicherungspflicht und Versicherung für Praktikanten

Ob Sozialversicherungsbeiträge gezahlt werden müssen oder ob das Praktikum „versicherungsfrei“ ablaufen kann, kommt auf die jeweilige Vereinbarung an. Auch Verdienstgrenzen fließen in diese Regelungen mit ein.

Zunächst muss zwischen einem freiwilligen „nicht vorgeschriebenen“ Praktikum, einem für Fach- und Berufsschüler und Studenten vorgeschriebenem und dann noch jeweils Vorpraktikum, Zwischen- und Nachpraktikum unterschieden werden.

Das hört sich kompliziert an, ist es aber gar nicht: Wenn fest steht, wer warum wie lange ein Praktikum zu welchem Entgelt macht, lässt sich in den sozialversicherungsrechtlichen Richtlinien der Krankenkassen nachsehen, wer versicherungsfrei beschäftigt werden kann und wer nicht.

In dieser übersichtlichen Checklist der IKK-Südwest (PDF) wird sogar darauf hingewiesen, ab wann Beiträge von den regulären in die Gleitzone übergehen und wann diese nicht gilt.

Die so genannte Gleitzone soll verhindern, dass Arbeitnehmer beim Überschreiten der 400-Euro-Grenze sofort mit dem vollen Beitragsanteil belastet werden (Gleitzonenrechner der Deutschen Rentenversicherung)

Zahlreiche praktische Beispiele mit Verdienstgrenzen helfen außerdem dabei, die eigene Praktikantensituation richtig einzuschätzen.

Trotzdem gilt: Im Zweifelsfall bitte immer den Steuerberater fragen, der solche Beschäftigungsverhältnisse richtig einschätzen und die passenden Fachinformationen zur nötigen Sozialversicherung liefern kann.

  • Foto: © iana_kolesnikova – stock.adobe.com
Über den Autor
Carola Heine
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