Sollversteuerung und Istversteuerung &
8211; Grundlagen, Unterschiede und Beispiele

Definition von Sollversteuerung und Istversteuerung

Sollversteuerung und Istversteuerung sind Begriffe aus dem Umsatzsteuerrecht. Es geht dabei um den Zeitpunkt, zu dem die Umsatzsteuer zu entrichten ist. Bei der Sollversteuerung muss die Umsatzsteuer in demjenigen Voranmeldezeitraum bezahlt werden, in dem die zugrunde liegende Leistung ganz oder teilweise erbracht wurde. Sollversteuerung bedeutet also eine Versteuerung nach vereinbartem Entgelt. Bei der Istversteuerung muss die Umsatzsteuer erst in demjenigen Voranmeldezeitraum bezahlt werden, in dem die Rechnung bezahlt wurde. Im Gegensatz zur Sollversteuerung bedeutet sie eine Versteuerung nach vereinnahmtem Entgelt.

Die Sollversteuerung kann ggf. Liquiditätsprobleme mit sich bringen, wenn der Kunde verspätet bezahlt; dann muss das Unternehmen die Umsatzsteuer aus eigener Kasse vorlegen. Es gibt bestimmte Voraussetzungen, unter denen ein Unternehmen von der Sollversteuerung in die Istversteuerung wechseln kann.

Grundlagen

Um das Prinzip von Sollversteuerung und Istversteuerung zu verstehen, muss man zunächst einige Grundlagen klären.

Steuern sind Zahlungen, die jeder Steuerpflichtige an den Staat zu leisten hat, damit dieser beispielsweise eine funktionierende Infrastruktur oder Sozialleistungen zur Verfügung stellen kann. Steuerpflichtig ist jeder, der einen Tatbestand erfüllt, mit dem das Gesetz eine Steuer verbindet. Beispiele dafür sind die Einkommensteuer (Tatbestand ist, dass man ein Einkommen erwirtschaftet), die Erbschaftssteuer (Tatbestand ist, dass man geerbt hat) oder die Umsatzsteuer (Tatbestand ist, dass ein Unternehmer Umsätze erwirtschaftet), um die es in diesem Beitrag gehen soll; im Besonderen um die Unterschiede zwischen Sollversteuerung und Istversteuerung.

Die einzelnen Steuerarten müssen vier Grundanforderungen erfüllen. Diese sind Praktikabilität, Ergiebigkeit, Gerechtigkeit und Unmerklichkeit. Letzterer ist ein Begriff, der in einem engeren Zusammenhang mit der Umsatzsteuer steht und später erklärt wird. Keine Steuerart wird diesen Grundanforderungen gerecht, weshalb das deutsche Steuersystem ein sogenanntes Vielsteuersystem ist, in dem die Vor- und Nachteile der einzelnen Steuerarten gegeneinander möglichst aufgehoben werden. In diesem System ist es üblich, die verschiedenen Steuerarten in Gruppen zusammenzufassen. So unterscheidet man beispielsweise Steuern nach der Ertragshoheit, also nach der Frage, welche Verwaltungsebene eine Steuer erhebt: Bund, Land oder Gemeinde. Weiterhin unterscheidet man Steuern nach dem Steuergegenstand, nach der Abzugsfähigkeit bei der Gewinnermittlung, nach der Erhebungsform und nach der Überwälzbarkeit.

Das Stichwort Überwälzbarkeit steht in engem Zusammenhang mit der zuvor genannten Unmerklichkeit und der Umsatzsteuer. Diese Begriffe sind wie folgt miteinander verbunden.

Aus Gründen der Praktikabilität bei der Steuerentrichtung und aus psychologischen Gründen soll der Steuerpflichtige möglichst wenig von der Steuerlast bemerken (Unmerklichkeit). Daher gibt es Steuern, die im Endpreis einer Leistung enthalten sind – zum Beispiel die Umsatzsteuer. Bei der Umsatzsteuer wandert also die Steuerlast vom Steuerpflichtigen (dem Unternehmer) an den Kunden. Man sagt, die Steuerlast wird auf den Kunden überwälzt. Steuern, bei denen der Steuerschuldner (der nach dem Gesetz Steuerpflichtige) und der Steuerträger (der, der sie bezahlt) nicht ein und dieselbe Person sind, werden indirekte Steuern genannt. Im anderen Fall, wenn Steuerpflichtiger und Steuerträger ein und dieselbe Person ist, nennt man eine solche Steuer direkte Steuer (zum Beispiel die Einkommensteuer). Unter dem Stichwort der Überwälzbarkeit wird also zwischen direkten und indirekten Steuern unterschieden.

Umsatzsteuer

Die Umsatzsteuer ist somit eine indirekte Steuer. Der Unternehmer ist zwar der Steuerpflichtige und damit auch derjenige, der die Steuer letztlich an das Finanzamt überweisen muss. Aber er holt sie sich vom Verbraucher zurück, indem er sie auf den Preis seiner Leistung oder seines Produkts aufschlägt. Das mag in gewisser Weise umständlich wirken; es wäre aber erheblich aufwendiger bzw. technisch unmöglich, diese Steuer direkt beim Verbraucher zu erheben.

Die Umsatzsteuerpflicht greift, unabhängig von Sollversteuerung oder Istversteuerung, sobald ein Unternehmer im Inland gegen Entgelt eine Leistung ausführt. Die Umsatzsteuerlast wird mehr oder weniger regelmäßig auf das Jahr verteilt, damit der Staat seinerseits ein geringeres Zahlungsausfallrisiko hat.

Diese gleichmäßige Verteilung der Umsatzsteuerlast auf das ganze Jahr wird realisiert durch die sogenannte Umsatzsteuervoranmeldung, welche sowohl bei Sollversteuerung als auch bei Istversteuerung eingereicht werden muss. Sie muss je nach Umsatz monatlich oder vierteljährlich abgegeben werden, um die bereits angefallene Umsatzsteuer auszuweisen und die Zahllast an das Finanzamt zu ermitteln. Der Zeitraum, in welchem die Umsatzsteuervoranmeldung abzugeben ist, richtet sich nach der Umsatzsteuerlast des Vorjahres. Liegt diese unter 1.000 EUR, kann das Unternehmen von der Voranmeldungspflicht befreit werden, die Umsatzsteuer wird dann jährlich fällig. Bei einer Umsatzsteuerlast zwischen 1.000,01 und 7.500 EUR muss vierteljährlich abgegeben werden, bei mehr als 7.500 EUR ist monatlich abzugeben. Die Voranmeldung hat bis zum 10. Tag nach Ablauf des Voranmeldezeitraums zu erfolgen. Ist man beispielsweise zu einer vierteljährlichen Abgabe verpflichtet, müssen Voranmeldung und entsprechende Überweisung für das erste Quartal spätestens am 10. April beim Finanzamt eingehen, sofern keine sogenannte Dauerfristverlängerung (1 Monat) vereinbart wurde. Diese kann beim Finanzamt beantragt werden, wenn die kurze Frist zwischen Monatsende und dem 10. des Folgemonats für die Buchhaltung nicht ausreicht.

Sollversteuerung und Istversteuerung

Grundsätzlich gilt nach § 16 des Umsatzsteuergesetztes zunächst die sogenannte Sollversteuerung. Bei Sollversteuerung muss die Umsatzsteuer in demjenigen Voranmeldezeitraum gemeldet und bezahlt werden, in dem die Leistung erbracht wurde. Es kommt also auf das Datum der Rechnungsstellung und nicht auf das Datum des tatsächlichen Zahlungseingangs an. Durch die Sollversteuerung entsteht dem Unternehmer ggf. ein Liquiditätsproblem, weil der Kunde meistens erst nach einer gewissen Frist bezahlt, der Unternehmer die Umsatzsteuer aber im Voranmeldezeitraum abführen muss. Dazu ein Beispiel: ein Unternehmen, das monatlich voranmelden muss und für das Sollversteuerung gilt, stellt seinem Kunden am 3. April eine Rechnung über 2.380 EUR. Darin enthalten sind dann 380 EUR (19 %) Umsatzsteuer, die spätestens am 10. Mai an das Finanzamt zu überweisen sind. Nun zahlt der Kunde aus irgendwelchen Gründen erst am 15. Mai – und schon muss das Unternehmen die 380 EUR aus eigener Kasse vorlegen, Sollversteuerung sei Dank. Erfolgt die Zahlung durch den Kunden wegen z.B. Insolvenz nie, wird die wegen der Sollversteuerung ja bereits bezahlte Umsatzsteuer vom Finanzamt rückerstattet.

Bei der Istversteuerung muss die Umsatzsteuer dagegen erst in demjenigen Voranmeldezeitraum gemeldet und bezahlt werden, in dem der Kunde die Rechnung bezahlt hat. Damit bringt die Istversteuerung gegenüber der Sollversteuerung gerade bei zahlungsträgen Kunden deutliche Liquiditätsvorteile mit sich. Die Istversteuerung ist unter diesem Gesichtspunkt für den Unternehmer attraktiver als die Sollversteuerung.

Für von der Umsatzsteuer befreite Kleinunternehmer oder Unternehmer, die nur umsatzsteuerbefreite Umsätze erwirtschaften, stellt sich die Frage nach Sollversteuerung oder Istversteuerung nicht.

Andere Unternehmen können von der Sollversteuerung in die Istversteuerung wechseln, wenn sie einige Voraussetzungen erfüllen. Dies ist der Fall, wenn der Nettoumsatz des vergangenen Kalenderjahres 600.000 EUR nicht überschritten hat oder der Unternehmer als Freiberufler tätig ist (§ 1, Absatz 1, Ziffer 1 des Einkommensteuergesetzes) oder das Unternehmen auf der Grundlage von  § 148 der Abgabenordnung von der Pflicht zur Führung von Büchern oder der Erstellung regelmäßiger Abschlüsse entbunden worden ist. Ist eine dieser Voraussetzungen erfüllt, kann das Unternehmen einen Antrag auf Wechsel von der Sollversteuerung in die Istversteuerung beim zuständigen Finanzamt stellen. Die Umstellung ist jeweils zum Jahresende möglich und gilt für das ganze Kalenderjahr. Es ist kein unterjähriger Wechsel von Sollversteuerung auf Istversteuerung möglich. Das Finanzamt kann die Genehmigung widerrufen. Dann gilt für das gesamte Kalenderjahr die Sollversteuerung.

Anzahlungen sind von der Sollversteuerung ausgenommen. Für sie gilt die Istversteuerung.

Teilleistungen werden nach Sollversteuerung versteuert.

Vorsteuerabzug

Ob die Umsätze nach Sollversteuerung oder Istversteuerung versteuert werden, ist für den Abzug der Vorsteuer irrelevant. Die Vorsteuer kann geltend gemacht werden, sobald eine Leistung für das Unternehmen bezogen wurde und eine Rechnung vorliegt. Der Zahlungsausgang ist dabei weder bei Sollversteuerung noch bei Istversteuerung von Bedeutung.