Kalte Progression

Die „kalte Progression“ wird seltener auch noch als „fiskalische Dividende“ bezeichnet. Unabhängig der spezifischen Bezeichnung bleibt der Umstand, den sie beschreibt, stets erhalten. Hierbei handelt es sich um eine Steuermehrbelastung, die immer dann entsteht, wenn die Einkommenssteuersätze nicht an die Inflation angepasst werden. Somit betrifft die kalte Progression jeden, der Einkommenssteuer zahlt, egal ob in einem Arbeitnehmerverhältnis oder als Selbständiger beziehungsweise Freiberufler. Es obliegt der Politik, Einfluss auf die kalte Progression zu nehmen und Einkommen gegen diese Mehrbelastung zu schützen.

Definition und Verständnis der kalten Progression

Die kalte Progression gibt es schon seit es die Einkommenssteuer und auch die Inflationsrate gibt, da dieser Umstand direkt aus dem Verhältnis beider Faktoren zueinander korreliert. Um die kalte Progression besser zu verstehen, ist es hilfreich, wenn zwischen zwei Formen von Einkommen unterschieden wird. Dem:

  • Nominaleinkommen (Das Einkommen wird in einer bestimmten Summer einer bestimmten Währung bewertet, ohne die Kaufkraft zu berücksichtigen)
  • und dem Realeinkommen (Das Einkommen wird gemessen an der Kaufkraft bewertet, also wie viele Waren und Dienstleistungen für eine jeweilige Summe erworben werden können)

Das Realeinkommen ist für Verbraucher entscheidend, schließlich wird Geld verdient, um dieses wiederum zu investieren oder in Konsum anzulegen. Es ist daher wichtig, wie viel Waren oder Dienstleistungen (stellvertretend für alles andere, was für Geld erworben wird) für die bestimmte Summe eingekauft werden können. Das Nominaleinkommen hingegen ist lediglich eine Summe einer Währung, wobei variieren kann, wie viel Kaufkraft sich dadurch wirklich ergibt. Ferner spielt hier noch die Umrechnung zwischen Währungen ein: So ist 1 Yen beispielsweise viel weniger wert als 1 Euro.

Auswirkungen der kalten Progression in der Praxis

Anhand der eben getroffenen Unterscheidung lässt sich nun einfach erklären, warum es zu einer kalten Progression kommen könnte. Die Inflation sorgt dafür, dass eine Einheit einer Währung weniger Kaufkraft als noch vor ein, zwei oder beliebig vielen Jahren besitzt. Steigt das Einkommen nicht entsprechend an, reduziert sich also die Kaufkraft, weil durch die Inflation die Preise steigen. Da die kalte Progression eine Brücke zur Einkommenssteuer legt, wird diese in solch einer Formel ebenfalls berücksichtigt. Per Definition ist eine tatsächliche kalte Progression also erst dann gegeben, wenn der nominale Wert der Einkommenssteuer nicht mit der Inflation korreliert.

Die Einkommen steigen folglich, es kommt zu einer steuerlichen Mehrbelastung, zugleich aber zu einer Inflation. Weil eine Einheit des Geldes aber weniger wert ist, reduziert sich durch die steigende Belastung über die Einkommenssteuer die tatsächliche Kaufkraft. Menschen können also weniger für ihr Geld erwerben, als in einem vorher definierten Zeitraum. Da der Gesetzgeber die Einkommenssteuer festlegt, obliegt es auch nur ihm, Menschen eines Landes vor der kalten Progression zu schützen. Die Inflation hingegen bestimmt unter anderem auch die Notenbank.

Differenzierung zwischen normaler und kalter Progression

In Deutschland und vielen anderen Ländern werden Einkommenssteuersätze progressiv erhoben. Es fällt also nicht auf jedes Einkommen der gleiche Prozentsatz Einkommenssteuer an, stattdessen zahlen Menschen, die mehr verdienen, auch einen höheren Satz. Man spricht dann von einer normalen Progression, da die Steuersätze so funktionieren, wie sie es tatsächlich sollen: Gutverdiener zahlen etwas mehr, Geringverdiener prozentual etwas weniger.

Eine kalte Progression tritt dann auf, wenn die relative Belastung mit steigendem Einkommen steigt. Das passiert, wenn mehr Geld verdient wird. So könnte ein gesteigertes Einkommen von 10 Prozent dazu führen, dass zugleich aufgrund der Einkommenssteuersätze und des progressiven Verlaufs die Einkommenssteuer um 20 Prozent ansteigt. Somit verliert der Betroffene einen großen Teil seines gesteigerten Einkommens wieder an die Steuer, wodurch der reale Geldwert und die Kaufkraft dieser Erhöhung verpufft. Kurzum: Die Einkommenssteuersätze berücksichtigen dann nicht die Inflation, den Kerngedanken hinter der kalten Progression.

Diskrepanz zwischen der unerwünschten und gewünschten kalten Progression

Obwohl anhand der Definition zu vermuten ist, dass es sich bei der kalten Progression um einen Negativeffekt handelt, bewirkt dieser aus Sicht eines Staates konkrete Vorteile. Die kalte Progression führt dazu, dass ein Staat mehr Steuern „erwirtschaften“ kann. Kritiker bezeichnen die kalte Progression daher gern auch als ein Mittel der „heimlichen Steuererhöhung“. Der Staat passt seine Einkommenssteuersätze nicht an die Inflationsrate an, wodurch sich das reale Geldwerteinkommen und die Kaufkraft des Einzelnen reduzieren, der Staat höhere Einnahmen verzichtet, zugleich aber die Prozentsätze der Einkommenssteuer nicht angehoben werden müssen – die Steuererhöhung findet also versteckt und ohne notwendige Ankündigung lediglich anhand der realen Kaufkraft statt.

Genauso ist aber zu sagen, dass eine kalte Progression nicht zwingend stattfinden muss. Angaben vom Bundesfinanzministerium nach betrug diese Belastung im Durchschnitt pro Kopf 16 Euro pro Jahr in Deutschland, in den folgenden zwei Jahren fand sie hingegen gar nicht oder nur in einem sehr minimalen, kaum messbaren Bereich statt. Im Umkehrschluss wird die kalte Progression in der Politik häufig auch als Argument generell für Steuersenkungen genutzt, obwohl zum aktuellen Zeitpunkt mitunter keine kalte Progression vorliegt oder auch nicht erwartet werden kann.

Buchhalterisch wird die kalte Progression nicht erfasst. Für alle wichtigen, erfassbaren Posten und die Buchhaltung bietet sich die Online-Buchhaltungssoftware von lexoffice an.