Reverse-Charge Verfahren

Die Umsatzsteuer auf Produkte und Dienstleistungen ist ein sogenannter durchlaufender Posten. Die auf Rechnungen als Mehrwertsteuer bezeichnete Abgabe wird im Normalfall vom letzten Leistungserbringer in der Kaufkette bezahlt. Der gewerbliche Käufer darf sich die vom Verkäufer auf den Nettorechnungsbetrag aufgeschlagene Mehrwertsteuer im Verfahren des Vorsteuerabzugs erstatten lassen. Unterschiedliche Umsatzsteuersätze in verschiedenen Ländern erlauben bei grenzüberschreitenden Geschäften das betrügerische Ausnutzen der Differenzen. Dazu kommt der doppelte Bearbeitungsaufwand der Steuervorgänge in zwei Ländern. Durch eine Umkehrung der Steuererhebung werden diese Faktoren vereinfacht und unterbunden. Weiterer Vorteil ist der Wegfall der Sprachbarriere, da Lieferanten, Rechnungsempfänger und Finanzbehörden nicht im jeweils anderen Land aktiv werden müssen.

Beim Reverse-Charge-Verfahren zahlt der Empfänger die anfallende Umsatzsteuer im Land seines Betriebssitzes. Der Leistungserbringer stellt eine Nettorechnung ohne ausgewiesene Mehrwertsteuer aus. Der Empfänger beziehungsweise Käufer wird durch einen Vermerk auf der Rechnung als Steuererbringer definiert. Bedingung für das Reverse-Charge-Verfahren ist das Vorliegen einer Umsatzsteuer-Identifikationsnummer (UstID) von beiden beteiligten Geschäftspartnern.

Rechtliche Bedingungen und Grundlagen

Die Umkehrung beziehungsweise Übergabe der Umsatzsteuerpflicht ist eine Kannbestimmung. Ihre Anwendung obliegt der Vereinbarung der Geschäftspartner. Im Prinzip darf das Reverse-Charge-Verfahren bei allen grenzüberschreitenden Geschäften innerhalb der EU und für Drittländer angewendet werden. Bei innergemeinschaftlichen Vorgängen unter EU-Mitgliedsstaaten sind Quartalsberichte vorgeschrieben. Die Umkehrung der Steuerschuld darf von jedem Gewerbetreibenden einschließlich Einzel- und Kleinunternehmer vereinbart werden. Das Verfahren ist im deutschen Umsatzsteuergesetz unter Paragraf 13b geregelt.

Inanspruchnahme und Formularwesen

Der Nettorechnungsempfänger und im Reverse-Charge-Verfahren damit Umsatzsteuerzahler gibt seine Steuerschuld in Höhe des in seinem Land gültigen Umsatzsteuersatzes in der Umsatzsteuervoranmeldung an. Der Steuerschuld kann direkt der Vorsteuerabzug entgegengestellt werden. Damit entfällt für den Schuldner die Wartezeit, bis Finanzämter Steuererstattungen auszahlen.
Beide Beteiligten müssen den Umsatz in ihrer Steuererklärung angeben. Ein in Deutschland ansässiger Lieferant trägt den Nettoumsatz in seine Umsatzsteuervoranmeldung ein. Der Leistungs- und Rechnungsempfänger mit vereinbarter Steuerlastübernahme meldet die anfallenden Steuern an und macht sie parallel als Vorsteuer geltend.

Formal sind einige Angaben auf Rechnungen zwingend vorgeschrieben, um von den Finanzbehörden anerkannt zu werden. Die vollständigen Namen, Adressen und Umsatzsteuer-Identifikationsnummern beider Vertragspartner müssen aufgeführt werden. Die Rechnung muss datiert sein und eine einmalige Nummerierung besitzen. Auf die Anwendung des Reverse-Charge-Verfahrens muss explizit hingewiesen werden. Aus Verständnisgründen wird meist die englische Verfahrensbezeichnung „VAT due to the recipient“ verwendet.

Anwendungsarten und Umsetzung

Wichtig bei der Entscheidung, um das Reverse-Charge-Verfahren angewendet wird oder nicht, sind mehrere Faktoren. Hohe und viele Umsätze führen zu entsprechend hohen Steuerzahlungen. Im Normalfall sind diese liquiden Mittel so lange gebunden, bis eine Steuererstattung erfolgt. Beim Reverse-Charge entfällt diese Kapitalbindung. Unterschiedliche Umsatzsteuersätze können zugunsten des Geschäftspartners zu geringerer Umsatzsteuerbelastung führen.

Einbettung in die Buchhaltung

Formal fehlerhafte oder unvollständige Rechnungen führen zu einer doppelten Steuerbelastung, da die Behörden der Länder beider Geschäftspartner auf die Steuerschuld bestehen. Mit einer professionellen Online-Buchhaltungs-Software werden formale Fehler sicher vermieden. Die Einzelgeschäftsvorgänge können für die quartalsweise obligatorischen Meldungen für das Bundeszentralamt für Steuern zusammengefasst werden.